s251 Der Mensch ist kein „Homo rationalis“ genauso wenig wie ein „Homo emotionalis“

Die rationale Entscheidung existiert nicht

Der Mensch ist kein „Homo rationalis“ oder „Homo oeconomicus“ genauso wenig wie ein „Homo emotionalis“. Wie wir unsere Welt wahrnehmen, sie interpretieren und danach handeln, wird maßgeblich von unserem Emotionssystem und den darin gebildeten neurologischen emotionalen Strukturen bestimmt und bei hoher Erregung dominiert.

Die rationale Entscheidung existiert nicht, wovon nun auch die Philosophie, die Psychologie und viele andere Disziplinen seit langem ausgehen. Auch die Wirtschaftswissenschaften bestätigen nun, was Herbert A. Simon bereits 1965 mit Bounded Rationality annahm, der Homo Oeconomicus und seine rationale Entscheidung existieren nicht. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman 2011 sowie Dan Ariely 2008 und viele anderen aus dem Teilgebiet Behavioral Economics weisen dies mit der steigenden Anzahl von nun mehr als 200 kognitiven Verzerrungen (Cognitive Biases) im Jahr 2020 eindrucksvoll nach.

Behavioral Economics

Die rationale Entscheidung ist eine Priorisierung

Die Entscheidung als Wahl zwischen mindestens zwei Möglichkeiten ist allgemein gültig und irreführend zugleich. Irreführend, weil die Wahl zwischen zwei oder mehreren Optionen eine Priorisierung darstellen würde. Allgemein gültig, weil sie eine Wahl zwischen den Optionen aus dem Emotions- und Kognitionssystem umfasst.

Eine Entscheidung im engeren Sinne bedeutet, eine Handlung für oder gegen eine Option zu initiieren. Die rationale Entscheidung stellt vielmehr eine Priorisierung dar, die mehrere mögliche Entscheidungen (Optionen) nach Wichtigkeit ordnet. Mit dem Aufkommen statistischer und künstlicher Modelle wird eine rationale Entscheidung gerne diesen gleichgesetzt.

Die rationale Entscheidung ist ein Priorisierung

Die Begründung macht die rationale Entscheidung

Mithilfe von Bewertung und Begründung wird eine der Optionen zur rationalen Entscheidung gewählt, wenn diese „nutzenmaximiert“ oder „vernünftig“ erscheint. Die Begründung selbst jedoch entsteht ebenfalls aus emotiv-kognitiven Zyklen. Das bedeutet, die rationale Entscheidung würde durch sich selbst erklärt und existiert folglich nur als theoretisches Konstrukt. Aus der Begründung kann man jedoch erkennen, welche Emotionen – meist Angst mit Sorge um Sicherheit und Ärger für zielorientierte Einflussnahme sowie Schuld und Scham in emotiv-kognitiven Zyklen – wirkten.

Die Begründung selbst ist ein aus dem Zusammenwirken von Emotions- und Kognitionssystem herbeigeführtes kohärentes Weltbild. Als internaler Stimulus wirkt die Begründung als natürliche Verstärkung des erstellten kohärenten Weltbildes. Die stimmige Begründung im finalen emotiv- kognitiven Zyklus macht die rationale Entscheidung.

Die rationale Entscheidung entsteht in Zyklen

Wenn der Begriff der rationalen Entscheidung im weiteren Beitrag und in der Artikelserie verwendet wird, dann als bewusste Entscheidung mit einer vernunftbetonten Begründung, im Wissen, dass sowohl Vernunft wie Begründung wieder aus emotiv-kognitiven Zyklen entstehen.

Die rationale Entscheidung

Die Annäherung an eine rationale Entscheidung kann nur bei geringer emotionaler Erregung erfolgen. Ist sie zu hoch, würde die Wirkung der Emotionen dominant und sich die Wahl der Optionen und ihre Begründung immer weiter von rationalen Konzepten und Vorgaben entfernen und sich in die dysfunktionalen Bereiche der Emotionen bewegen.

Die rationale Entscheidung erfordert die Kognition

Die rationale Entscheidung als theoretisches Konstrukt ist trotzdem eine äußerst wichtige und wertvolle Entscheidungsform, weil sie zwingend die Kognition aktiviert und das Risiko für affekthafte Entscheidung und den Autopiloten reduziert. Wären sich die Beteiligten im Klaren, dass das emotionale Motiv „Sorge um Sicherheit“ in einem Versicherungsunternehmen eher dominiert und die Chance zur Einflussnahme in einem Start-up verfolgt wird, so bekäme die Begründung eine gezielte Richtung. Wirkt die Logik der Emotionen jedoch zu stark und dominiert dadurch die Begründung, verliert die rationale Entscheidung ihren Wert.

Sie im unternehmerischen Umfeld zu fordern, bliebe sinnvoll, wenn die Intuition bewusst integriert wäre und DecisionMaking-Prozesse angewendet würden.

Bewusste Entscheidung mit KiE-DecisionMaking-Prozess

Das theoretische Konstrukt der rationalen Entscheidung bildet den Kern der KiE-Entscheidungsstrategie. Wird sie um die bewusste Nutzung der Intuition ergänzt, ergibt sie die KiE-Entscheidungsstrategie. Die KiE-Entscheidungsstrategie führt Erfahrung und Wissen zusammen. Sie verbindet die Kognition mit der Intuition und bildet damit das solide Fundament für jeden guten Entscheider.

Der menschliche Entscheidungsprozess ist die Design-Vorgabe für drei einfach zu erlernende Prozess- Schritte. Die Reihenfolge ist an der Untrennbarkeit von Emotionen(E), Intuition(i) und Kognition(K), der KiE-Trilogie, ausgerichtet.

Im ersten Schritt (1) wird als Innovation der emotiv-kognitive Zyklus bewusst unterbrochen und die unaufgeforderte KiE-Intuition mit der KiE-Skala festgehalten. Als zweiter Schritt wird die kognitive Bewertung (2) ermittelt. Im finalen dritten Schritt (3) wird die KiE-Intuition bewusst aufgefordert, damit die Entscheidung auf dem Weg der Umsetzung nicht durch die Untrennbarkeit der Entscheidungssysteme boykottiert wird. Erst dann wird eine entschlossene Umsetzung im vierten Schritt (4) zum Erfolg mit der beabsichtigten Wirkung möglich.

KiE-Entscheidungsstrategie

Wer nun glaubt, die KiE-Entscheidungsstrategie sei zu kompliziert und dauere zu lange, sei darauf hingewiesen, dass die Intuition nur circa 350 Millisekunden braucht, um sich zu zeigen. Damit verzögert sich die Entscheidung um circa eine Sekunde. Unterbrochenes Grübeln und sichere Entscheidungen lohnen diesen Aufwand um ein Vielfaches.

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März 2020, Richard Graf und Elsa Graf

Die rationale Entscheidung existiert nicht.“ Richard Graf

Quellen:

ARIELY, Dan. Predictably irrational. New York, NY: Harper Audio, 2008.

GRAF, Richard. Die neue Entscheidungskultur: Mit gemeinsam getragenen Entscheidungen zum Erfolg. Carl Hanser Verlag München 2018.

KAHNEMAN, Daniel. Thinking, fast and slow. Macmillan, 2011.

SIMON, A. Herbert. Administrative Behavior. A Study of Decision-making Processes in Administrative Organization…. Macmillan, 1965.

„Menschen machen Entscheidungen und Entscheidungen machen Menschen.“ Prof. Harmut Schröder

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