Kopf oder Bauch? – So entscheiden Sie richtig

Wir sollten die Intuition nicht ignorieren, ihr aber auch nicht trauen.

FOCUS 47/2018

Kopf oder Bauch? – So entscheiden Sie richtig

Die Frage „Kopf oder Bauch?“ ist nicht zielführend und suggeriert, wir hätten eine wirkliche Wahl.

Das Emotionssystem entscheidet bereits nach circa 300 Millisekunden (3) und initiiert eine bewusste vorläufige Entscheidung (5) nach circa 550 Millisekunden. Bei bewussten Entscheidungen wird daraus das kohärenten Weltbild in Gedankenzyklen (6) verfeinert. Das kohärente Weltbild stellt eine vorläufige Entscheidung dar, die zu einer bewussten Entscheidung geformt werden kann.


Abbildung01: Zuerst der Bauch und dann der Kopf

Das Emotionssystem (Bauch) entscheidet zuerst. In wenigen Fällen wird das Kognitionssystem (Kopf) später aktiviert. So haben wir keine Wahl, ob Kopf oder Bauch (Intuition). Zieht man in Betracht, dass 93% der 20.000 Entscheidungen pro Tag ohne „Kopf“, also „unbewusst“, getroffen werden, wird die Frage „Kopf oder Bauch“ unbedeutend.

Abbildung02: Intuition ist in allen Entscheidungen erhalten

Entgegen der immer wieder gestellten Frage ist in 100% der Entscheidungen die Intuition enthalten, ob wir sie nun bewusst wahrnehmen oder nicht.

Nimmt die emotionale Erregung zu, so dominiert das Emotionssystem und die emotionalen Motive bewegen sich in den dysfunktionalen Bereich. Aus Achtsamkeit wird Starre und aus souveräner Einflussnahme ein unkontrolliertes Reagieren. Der Intuition, wenn sie noch bewusst wahrgenommen wird, ist genauso wenig zu trauen wie den vorläufigen Entscheidungen im Kognitionssystem. Steigt die Erregung weiter, werden Entscheidungen wie Handlungen affekthaft ausgeführt. In diesem Sinne ist der Intuition nicht zu trauen.

So entscheiden Sie richtig

Gute Entscheidungen entstehen dann, wenn Entscheidungen am menschlichen Entscheidungsprozess ausgerichtet sind. Er berücksichtigt, dass die Intuition bereits nach 350 ms als Ergebnis des Emotionssystems vorliegt und erkennt diese trennscharf. Erst dann wird in Interaktion mit der Kognition eine vorläufige Entscheidung (Kopf) geformt. Sie kann in mehreren Gedankenzyklen zu einer guten Entscheidung geformt werden. Auch hier gibt es eine souveräne Entscheidung. Sind es zu wenige Gedankenzyklen, ist es häufig eine „leichtsinnige“ Entscheidung. Werden es zu viele, so beginnt das Gedankenkarussell.
Zum Schluss, bevor man mit Entschlossenheit in die Umsetzung geht, wird die bewusste Entscheidung mit der Intuition überprüft.

 Abbildung03: Trilogie von Bauch Kopf Bauch

Gute Entscheidungen entstehen aus der Trilogie zwischen Emotions- und Kognitionssystem:

  1. Intuition (Bauch) – bewusste Wahrnehmung der unaufgeforderten Intuition
  2. Kognition (Kopf) – bewusstes Formen einer Entscheidung im Wissen über den menschlichen Entscheidungsprozess
  3. Intuition (Bauch) – bewusste Aufforderung der eigenen Intuition

Für die individuelle Entscheidungsstrategie lernen Menschen die Wirkungsweise und bewusste Nutzung der Intuition in wenigen Stunden.

Entscheidungen sind vorläufig

Bewusste Entscheidungen sind kein linearer Prozess, wie es die Wortverbindung „Entscheidungen treffen“ vermuten lässt. Entscheidungen entstehen in Gedankenzyklen. Damit sind Entscheidungen vorläufig. Der erste Zyklus ist die Untrennbarkeit zwischen Emotionen, Intuition und Kognition (I). Bei bewussten Entscheidungen wird in einem inneren Gedankenzyklus (II) eine bewusste Entscheidung geformt.

Selbst wenn sie zu einer Handlung führen, können und sollten sie anhand der entstehenden Wirkung korrigiert werden. Die erreichte Wirkung wird als äußerer Gedankenzyklus (III) wieder Stimulus für eine neue Entscheidung, die die Wirkung korrigieren sollte.

Abbildung04: Innerer und äußerer Gedankenzyklus

Wenn emotionale Motive wie Sorge um Sicherheit und Einflussnahme, um Chancen zu nutzen, weitgehend gewährleistet sind, entstehen sichere Entscheidungen und der Gedankenzyklus endet.

Die Geißel der modernen Zeit

Bei unsicheren Entscheidungen sind die emotionalen Motive nicht erfüllt. In der Folge werden Gedankenzyklen immer wieder neu entfacht, was die Ursache vieler innerer Konflikte sowie von Stress und Burnout darstellt. Genauso initiieren und befeuern sie unerquickliche Gruppendynamiken und ausufernde Meetings, die Elon Musk als „Geißel unserer Zeit“ bezeichnet.

Gute Entscheidungen

Gute Entscheidungen werden mit Entscheidungsprozessen wie der individuellen Entscheidungsstrategie hergestellt. Im Team werden gemeinsam getragenen Entscheidungen mit dem Priorisierungs- und Commitment-Prozess hergestellt. Die ersten Schritte dafür sind, die Intuition bewusst anzuwenden und zwischen Priorisieren und Entscheiden zu differenzieren.

Entscheidungen sowie Führen bedeutet im Kern priorisieren und anschließend die Entscheidung für die Auswahl zu treffen. Das gilt für autoritäre, partizipative Leader gleichermaßen wie für tradierte oder agile Teams.

Innerer Konflikte und ausufernde Gruppendynamik sowie von Stress und in der Folge Burnout sind nur fatale Symptome fehlender Entscheidungsprozesse. Diese Symptome treten erst gar nicht auf, wenn Entscheidungsprozesse angewendet werden, die am menschliche Entscheidungsprozess ausgerichtet sind.
Mit soliden Entscheidungsprozessen stellen Menschen und Teams gute Entscheidungen her und erreichen Ihre Ziele.

Von Richard Graf, November 2018

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